Interview mit Julia Zwingenberg: "Langlebigkeit ist für mich eine Form von Respekt"

Nach achtzehn Monaten außerhalb des Studios kehrt ZWINGENBERG zurück. Nicht mit einem Neuanfang, sondern mit größerer Klarheit. Ein Gespräch über Zeit, Präzision und Kleidung, die im echten Leben besteht.
Sie haben sich nach der Geburt Ihres Kindes zurückgezogen. Was hat Ihnen diese Zeit gegeben?
Perspektive.
Mit einem Kind wird der Alltag sehr körperlich, sehr unmittelbar. Man bewegt sich ständig zwischen Fürsorge und Verantwortung. Abstraktion hat dort keinen Platz. Früher konnte ich stundenlang über Möglichkeiten nachdenken. Danach wurde ich deutlich entschlossener. Zeit fühlt sich heute begrenzter an – und paradoxerweise macht genau das die Arbeit ruhiger. Ich hinterfrage nicht mehr jeden Instinkt.
Hat die Mutterschaft Ihren Blick auf Kleidung verändert?
Ja. Man versteht den Körper anders. Man bemerkt, wie viel Kleidung Frauen abverlangt – Anpassung, Unbequemlichkeit, Performance. Das interessiert mich nicht mehr. Ich möchte Stücke entwerfen, die es einer Frau ermöglichen, sich durch ihren Tag zu bewegen, ohne permanent über sich selbst nachzudenken. Man sollte mit seinem Kind auf dem Boden sitzen können – und danach in ein Meeting gehen, ohne die eigene Identität zu wechseln. Bequemlichkeit ist keine Nachlässigkeit. Sie ist Intelligenz.
Bequemlichkeit ist keine Nachlässigkeit.
Sie ist Intelligenz.
Hat sich Ihre Ästhetik in dieser Zeit verändert?
Meine Einflüsse und auch die Silhouetten, zu denen ich mich hingezogen fühle, sind im Grunde gleich geblieben. Verändert hat sich die Klarheit darüber, wie vielseitig ein ZWINGENBERG Kleidungsstück funktionieren muss – und welches Gefühl es auslösen soll. Mich interessiert keine Kleidung als Verkleidung.
Die Stücke sollen im echten Leben verankert sein und dennoch einen angezogenen, selbstverständlichen Ausdruck erzeugen. Ich denke stärker darüber nach, wie ein Teil verschiedene Situationen begleitet. Wie es sich mitbewegt, sich anpasst, ohne an Haltung zu verlieren. Am Ende geht es darum, Kleidung zu entwerfen, die Intelligenz besitzt – Stücke, die Freiheit geben und gleichzeitig Klarheit schaffen. Kreativ und pragmatisch zugleich.
Warum widersetzen Sie sich bewusst dem saisonalen Zyklus?
Weil das Leben von Frauen nicht saisonal verläuft. Wir erfinden uns nicht alle drei Monate neu. Wir entwickeln uns – langsam und bewusst. Seasonless bedeutet nicht, das Wetter zu ignorieren, sondern den Druck. Den Druck, sich ständig neu zu inszenieren. Den Druck, Relevanz zu performen. Langlebigkeit ist für mich eine Form von Respekt. Gegenüber dem Material. Dem Handwerk. Und der Frau, die investiert. Ein Mantel sollte nicht „Herbst 2026“ gehören. Er sollte Ihnen gehören. Schnitt vor Trend. Proportion vor Dekoration. Beständigkeit vor Effekt. In der heutigen Zeit wirkt das fast wie eine Rebellion.
Wie hat sich Ihre Designphilosophie entwickelt?
Sie ist genauer geworden. Wir leben in einem Moment visueller Überreizung. Zu viele Bilder. Zu viele Mikrotrends. Zu viel Rauschen, das Frauen sagt, wer sie als Nächstes sein sollen. ZWINGENBERG steht bewusst außerhalb davon.
Ich entwerfe für die Frau, die weiß, wer sie ist – oder dabei ist, dieses Wissen zu verfeinern. Sie braucht keine Kleidung, die sie verwandelt. Sie braucht Kleidung, die mit ihr übereinstimmt. Struktur ist zentral. Der Schnitt ist alles. Ein Kleidungsstück muss aus sich selbst heraus funktionieren, eine Silhouette formen, ohne auf Stylingtricks angewiesen zu sein. Und innerhalb dieser Struktur braucht es Weichheit und Bewegung.

Sie werden in diesem Jahr vierzig. Hat sich Ihr Verständnis von Weiblichkeit verändert?
Ja – aber nicht so, wie man es erwarten würde. Ich fühle mich nicht angekommen. Ich fühle mich neugieriger als vor zehn Jahren. Der Hunger nach neuen Ideen, Gesprächen und Perspektiven ist geblieben. Der Unterschied liegt im Selbstvertrauen. Man vertraut dem eigenen Instinkt schneller und verschwendet weniger Energie darauf, irgendwo dazuzugehören. Viele Frauen erreichen einen Punkt, an dem Ehrgeiz leiser, aber tiefer wird. Sichtbarkeit wird weniger wichtig als Bedeutung. Und ehrlich gesagt: Ich möchte mich weiterhin schön fühlen. Interessant. Leidenschaftlich. Gegenwärtig. Älter werden bedeutet nicht, zu verschwinden. Weiblichkeit bedeutet für mich heute Intelligenz und Sinnlichkeit zugleich. Dieses Gleichgewicht prägt alles, was ich entwerfe.
Was kennzeichnet die neue Kollektion?
Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel von Struktur und Leichtigkeit. Tailoring rahmt den Körper, während weichere Silhouetten Bewegung ermöglichen. Mich interessieren Stücke, die Präsenz haben, ohne kontrolliert zu wirken – Kleidung, die unterschiedliche Situationen begleitet, ohne dass sich die Trägerin verändern muss. Menswear bleibt eine wichtige Referenz, allerdings nicht als Kopie, sondern als Sprache von Präzision und Schutz. Feminine Energie entsteht durch Proportion, Materialität und Bewegung, nicht durch Dekoration. Materialkontraste sind zentral: technische Stoffe treffen auf Seide, klare Konstruktion auf fließende Elemente. Warme Farben stehen neben ruhigen Neutralen und erzeugen eine aufregende Stärke statt strenger Minimalität. Am Ende geht es um eine moderne Garderobe – Kleidung, die durchdacht und tragbar ist und Raum für die eigene Persönlichkeit lässt.
Der Zugang zum Private Viewing der neuen ZWINGENBERG Kollektion wird in Kürze mit unseren Kundinnen und Newsletter-Abonnentinnen geteilt. Wenn Sie vorab Einblick in die neue Kollektion erhalten und Zugang zum Private Showroom bekommen möchten, laden wir Sie ein, sich für unseren Newsletter anzumelden. Dort teilen wir als Erste die Details zum Pre-Access und zur exklusiven Vorschau.