Founder's Letter: In Transition
IN TRANSITION
Founder’s Letter von Julia Zwingenberg

Ich habe die Zeiten zwischen den Jahreszeiten schon immer geliebt. Vielleicht, weil sie dem Leben selbst so ähnlich sind – nichts endet oder beginnt von einem Moment auf den anderen. Dinge verschieben sich, kehren zurück, entwickeln sich weiter. Der Übergang vom Sommer in den Herbst war schon immer mein liebster. Nach Monaten, in denen man sich vor allem für die Hitze angezogen hat, bekommt das Anziehen wieder eine andere Tiefe. Tailored Trousers, Jacken, Strick. Unterschiedliche Materialien, Gewichte und Texturen. Endlich wieder die Möglichkeit eines vollständigen Looks.
Mich fasziniert, wie sich unser persönlicher Stil mit unserer Identität weiterentwickelt. Wir entwickeln uns selten zu vollkommen anderen Menschen. Bestimmte Vorlieben und Dinge bleiben, andere verschwinden, manche kehren Jahre später zurück und haben plötzlich eine völlig andere Bedeutung.
Dieselbe Jacke kann zu verschiedenen Versionen unserer selbst gehören. Die Art, wie wir sie tragen, verändert sich. Was sich früher formell angefühlt hat, ist heute selbstverständlich. Etwas Maskulines wirkt plötzlich sinnlich. Wir kombinieren Dinge anders, weil wir uns verändert haben. Vielleicht hat mich deshalb die Vorstellung einer Garderobe, die mit jeder Saison wieder von vorne beginnt, nie besonders interessiert. Ich bevorzuge Kontinuität. Für mich ist das Anziehen eine der Möglichkeiten, herauszufinden, wer wir sind und wer wir gerade werden. Nicht als Verkleidung und nicht unbedingt für die Aufmerksamkeit anderer. Es ist eine Form der Kommunikation – mit unserer Umgebung, aber auch mit uns selbst.

Farbe, Proportion, Textur, die Spannung zwischen etwas Präzisem und etwas bewusst Ungezwungenem. All das kann Seiten von uns ausdrücken, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Persönlich zieht mich immer etwas an, das ein wenig off ist. Eine unerwartete Proportion. Ein Kleidungsstück, das anders getragen wird, als es vielleicht gedacht war. Etwas Präzises neben etwas beinahe Alltäglichem. Ich mag es nicht, wenn ein Look zu perfekt erscheint. Es braucht etwas, das ihn unterbricht – einen kleinen Widerspruch, der ihn persönlich macht. Für mich wird Identität oft genau dort sichtbar. Das Leben bewegt sich. Jahreszeiten kommen zurück. Lebensumstände verändern sich. Wir verändern uns mit ihnen. Und trotzdem gibt es Dinge, die sich immer wieder ganz selbstverständlich nach uns anfühlen.
Diese Freude an Form, Material und Kombination prägt meine Arbeit für ZWINGENBERG. Mich beschäftigt, wie eine Schulter fällt, wie lang eine Hose sein muss, wie sich ein Stoff am Körper bewegt. Ich liebe die Klarheit von menswear-inspiriertem Tailoring und die Spannung, die entsteht, wenn weicher Strick oder etwas Fließendes, Sinnliches dazukommt. Ein Blazer mit einer Jogginghose. Ein Cashmerepullover, über die Schultern gelegt und vorne geknotet. Beim Entwerfen denke ich auch daran, wie eine Frau diese Stücke später ganz anders tragen wird, als ich es mir vorgestellt habe.
Ich möchte eine Garderobe entwickeln, die uns durch unser facettenreiches Leben begleitet. Kleidungsstücke, zu denen wir immer wieder greifen, die unseren Alltag mitmachen und den unterschiedlichen Seiten unserer Persönlichkeit Raum geben. Von morgens bis abends, vom Herbstspaziergang bis zur Dinnerparty. Vertraute Stücke, die wir je nach Anlass und Stimmung anders kombinieren und immer wieder neu für uns entdecken.

Mit diesen Founder’s Notes beginne ich eine fortlaufende Auseinandersetzung mit dieser Beziehung zwischen Kleidung und Identität. Mit den vielen Möglichkeiten, unsere Persönlichkeit durch Kleidung nach außen zu tragen – und damit, wie wir uns Kleidungsstücke durch das Leben in ihnen zu eigen machen. Ich glaube nicht, dass persönlicher Stil etwas ist, das irgendwann abgeschlossen ist.
Er wächst mit uns.
Und vielleicht sind die interessantesten Garderoben nicht diejenigen, die ständig neu sind, sondern diejenigen, die davon erzählen, wer wir einmal waren, wer wir heute sind – und wer wir noch werden.
Julia Zwingenberg